Das Wort zum Sonntag. Deutschland und die Flüchtlinge.

                                                                                                                    von Martina

Hallo Ladies, 


das wird diesmal kein Blogbeitrag über schöne Klamotten oder tolle Make-up-Tipps.


Nein, diesmal wird es etwas ungemütlich. Vielleicht bekomme ich von Euch zustimmendes Nicken, oder aber eher verständnisloses Kopfschütteln. 


Auslöser zu diesem Beitrag waren 8 Minuten, die ich wartend an einer Bushaltestelle in Hamburg verbracht habe. Während dieser Zeit sammelten sich einige ältere Damen an besagter Bushaltestelle. Man schnackte übers Wetter und dies und das. Und dann war mein derzeitiges "Lieblingsthema" an der Reihe - die bösen Asylanten. Was die alles für Krankheiten nach Deutschland einschleppen. Und dann haben sie unverschämter Weise auch noch ein Handy. Damit verabreden sie sich bestimmt um irgendwelche Straftaten zu verüben. Die gehören alle in ein Lager, schnelles Asylverfahren und dann wieder ab raus aus Deutschland....


Ich traute meinen Ohren nicht. Zwei der alten Damen hatten mit Sicherheit den 2. Weltkrieg erlebt und denen müssten doch noch gut die damaligen Flüchtlinge in Erinnerung sein.  Mir drehte sich der Magen um angesichts dieses geistigen Dünnschisses und dieser Dummbratzen-Stammtischparolen. 

Ich überlegte kurz eine Diskussion mit den Ladies zu beginnen. Die wäre dann vermutlich ins Leere gelaufen. Lohnt sich das? Sind Bildleser und andere unbelehrbare Mitmenschen überhaupt in der Lage reflektiert über das Thema "Flüchtlinge" zu reden?


Ich habe meine ganz persönliche Meinung zu diesem Thema. Die muss nicht jeder teilen. Aber mal genau hinzuschauen und sich mit Fakten, statt Mutmaßungen, zu beschäftigen - das erwarte ich schon.


Fakt ist, dass etwas mehr als die Hälfte der Flüchtlinge aus asylrelevanten Gründen nach Deutschland kommen. Die Anderen aus wirtschaftlichen Gründen, sie werden jetzt immer in den Medien Armutsflüchtlinge genannt. 


Ist es nicht legitim in einem anderen Land Hoffnung auf ein besseres Leben zu haben, wenn ich daheim in völliger Armut lebe und jeden Tag aufs Neue ums Überleben kämpfen muss?


Ich finde es legitim, und ich würde genauso handeln. Und dabei würde ich nicht Rücksicht auf den deutschen Staat und die Steuergelder nehmen. Denn für mich geht es um das blanke Überleben, für mich und meine Familie. 


Ja, Asylbegehrende besitzen Handys. Und sie besitzen Familien und Freunde, die sie zurück gelassen haben als sie sich in ein fremdes Land begeben haben. Ist es nicht natürlich, Kontakt mit daheim zu halten? Wissen zu wollen wir es den alten und kranken Eltern geht? Wie es Frau und Kindern geht, die man zurück lassen musste?


Asylbegehrende erhalten ein kleines Taschengeld. Das nutzen sie überwiegend um Prepaid-Karten zu kaufen und nicht  um den nächsten Apple Store zu entern. Dafür reicht es nämlich nicht...


Ja, es gibt Krankheiten unter den Flüchtlingen. Wer wochenlang (oder monatelang) auf der Flucht war, der hat nicht immer die hygienischsten Zustände vorgefunden. War vielleicht zeitweise eingepfercht in Lagern und ohne Medikamente. Da können schon mal Krätze oder Tuberkulose mit im Gepäck sein. Meine Mutter hat mir übrigens erzählt, dass beides während und nach dem 2. Weltkrieg sehr häufig vorkam.

 

Ja, es gibt sicherlich auch Kriminelle unter den Flüchtlingen. Die Schleuserbanden fragen nicht nach einem Führungszeugnis. Für die zählen nur Dollars und keine reine Weste. Kriminelle gibt es auch unter den deutschen Genossen genug, die oftmals sogar in Schlips und Nadelstreifen rum laufen. 


Und ich frage mich immer wieder, warum ist die Angst und Abneigung so groß gegenüber Flüchtlingen? Was bewegt Alt-Nazis und Jung-Braune auf die Straße zu gehen, oder sogar Unterkünfte in Brand zu setzen?


Warum gehen die Menschen nicht so massiv auf die Straßen um ihren Unmut gegen den Pflegenotstand kund zu tuen? Ich persönlich finde die Zustände in Krankenhäusern und Altersheimen zum größten Teil menschenverachtend. Die Vorstellung meine Mutter wieder im Krankenhaus zu wissen oder gar im Altenheim, DAS beunruhigt mich erheblich - und nicht die derzeitige Flüchtlingswelle. 


Und dann gibt es noch unser Rentensystem. Ich finde es total ungerecht. Wieviele alte Menschen leben am Existenzminimum und gehen aus Scham nicht zum Sozialamt. Lohnt es sich nicht für ein gerechtes Rentensystem auf die Barrikaden zu gehen? 


Ah, ich vergaß. Da sind ja die Asylanten, die uns die Arbeit weg nehmen. Und einen Fachkräftemangel gibt es in Germanien gar nie nicht. Übrigens, gerade die Flüchtlinge aus Syrien sind oftmals sehr gut ausgebildet.


An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland sehen die Möglichkeit eines Asylbegehren vor. Warum ist dann der braune Pöbel nicht auf den Gesetzgeber stinkig und richtet stattdessen seine Wut gegen die Flüchtlinge? 


Ihr seht, ich habe einige Fragezeichen in den Augen. 


Ich persönlich bin sehr glücklich in einem Land geboren zu sein wo seit vielen Jahren Frieden ist - auch wenn es nur ein Waffenstillstand ist. Meine Mutter hat mir viel erzählt vom Krieg und dem Leben während dieser Zeit. Gott, was bin ich dankbar dies nie erleben zu müssen. 

 

Ein großer Teil dieser Menschen, die zu uns kommen, sind vor dem Krieg geflüchtet und sind traumatisiert. Ganz besonders die Kinder. Was geschieht mit einer Kinderseele wenn sie Tod, Blut, Wunden und Vergewaltigung gesehen hat?

 

Und im Reigen der Vermutungen und Verunglimpfungen fehlt noch etwas: Die Männer kommen immer alleine, was wollen die denn hier? Das gibt doch nur Mord und Totschlag in den Unterkünften.  

Ich frage mich wer von diesen Stinkstiefeln hat jemals das Gespräch gesucht mit Flüchtlingen und einfach mal Fragen gestellt. Zum Beispiel: Warum bist du alleine hier? Wo ist deine Familie? Wie bist du hier hin gekommen?

 

In Hamburg gibt es eine ganz tolle Aktion. Und damit eine Gelegenheit diese Fragen zu stellen. Es ist das "Welcome Dinner". Hamburger laden Flüchtlinge zum Essen zu sich nach Hause ein. Die betreffende Organisation hilft bei der Vermittlung. Ich finde das großartig und ich wünsche mir das für jede Stadt in Deutschland, am besten gleich für ganz Europa. Gerade Griechenland hat Lernbedarf in Sachen Humanität. Der Bankrott eines Landes berechtigt nicht zu einem so seelenlosen Verhalten. Zum Glück gibt es einige wenige Ausnahmen, können aber gerne mehr werden.  

 

Wenn ich mich jetzt noch auslasse über die vielen vielen widerlichen Kommentare, die ich regelmäßig bei Facebook zu diesem Thema lese, dann wird das ein never ending post....

 

Es gab in der Geschichte der Menschheit immer wieder Völkerwanderungen. Menschen sind vor Not, Elend und Krieg geflüchtet. Und so denke ich, wir sind am Beginn einer neuen Völkerwanderung. 

 

Bitte Hirn einschalten, sich informieren und das eigene Herz auf Empfang stellen. Und wer dann noch sachliche und berechtigte Kritik hat, diese an den richtige Stellen richten! 

 

Danke, dass du dir die Zeit genommen hast meine Worte zu lesen. 

 

P.S. Ich habe in unmittelbarerer Nähe mehrere Flüchtlingsunterkünfte, ich sitze also nicht im Elfenbeinturm. 

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Kommentare: 6
  • #1

    Dani (Sonntag, 16 August 2015 18:53)

    Ich finde Deine Worte ganz wunderbar. Dieses ganze "die nehmen uns alles weg" ist dermaßen daneben, dass ich nur den Kopf schütteln möchte. Wir haben tatsächlich genügend eigene Probleme im Land, die anscheinend kaum einen interessieren. Darüber redet keiner. Vor allem diesem unüberlegte und nicht wirklich mit dem Thema auseinander gesetzte Geschwätz ist dermaßen daneben, dass ich manchmal die Leute fragen möchte, ob es ihnen noch gut geht. Eine Bekannte hat auf Facebook etwas geteilt, was ich völlig daneben fand. Habs ihr direkt so gesagt und aus der Freundesliste geschmissen. Unwissenheit ist keine Entschuldigung für solche Äußerungen. Ich bin echt fassungslos momentan.

  • #2

    cleffanie (Montag, 17 August 2015 06:02)

    GANZ TOLLER BEITRAG!

    Stimme Dir in allem zu.

    Und hab noch was hinzu zufügen:

    Ich bin Krankenschwester in der Notaufnahme. In dem einem Untersuchungszimmer liegt eine geflüchtete junge Frau aus Somalia. Ausgehungert, Ekzeme am ganzen Körper, gequält von Bandwürmern, katastrophale Blutwerte, die auf Entzündungen hindeuten und eindeutig aufs Schlimmste traumatisiert. Kommunikation unmöglich (weder deutsch, noch englisch). Da liegt ein kleiner, ausgemergelter, physisch und psychisch kranker weiblicher Frauenkörper vor mir im Bett. Mir kommen die Tränen und ich hab das starke Bedürfnis dieses Elend in meine Arme zu schließen und zu trösten.
    Im Untersuchungszimmer daneben liegt eine wohlgenährte ältere deutsche Frau in schicken Klamotten und einem bereits gepackten Koffer auf einer Untersuchungsliege und beschwert sich bei mir darüber, dass sie schon seit fast einer ganzen Stunde hier liegt und noch kein Arzt bei ihr gewesen sei. Sie ist übrigens wegen einem schmerzenden Knie da. Ich nehme ihr schonmal Blut ab, messe ihre Körpertemperatur und ziehe ihr die Hose aus. Währenddessen erkläre ich ihr, dass der Doktor, der für solche Krankheitsbilder zuständig ist, leider alleine ist und sich um etliche Patienten kümmern muss, die nach Priorität und nicht nach Ankunftszeit behandelt werden. So kommen wir schnell zu sprechen auf das miese Gesundheitswesen, dann auf die scheiß Politiker und deren Diätenerhöhung und dann natürlich auf die bösen Ausländer, die unser Land angreifen. Ich hab das unbändige Bedürfnis ihr einfach die Fresse zu polieren oder wenigstens ihren Kopf mal kurz ganz doll gegen die Wand zu hauen.

    Weil ich das natürlich nicht darf, und Argumente nix bringen, hab ich zum Glückirgendwann angefangen, Mitleid für diese undankbaren Rassisten zu entwickeln. Mit welchem Recht Rassisten zwar immer glauben, ihnen stünde dieses wahnsinnig schöne Leben hier zu und anderen nicht, werde ich zwar nie verstehen, aber für ihre Ängste hab ich mittlerweile Verständnis entwickelt. Das ist in meinen Augen einfach ein natürlicher Reflex.
    Unsere Welt verändert sich gerade grundlegend. Ein gigantischer Wandel geht vonstatten. Und das spürt man. Es findet eine Hyperkommunikation statt, das Wissen vernetzt sich. Ich glaube, wir waren noch nie so nah dran eine tatsächlich einheitliche Welt zu werden, wie jetzt.
    In der alten Welt gab es auch Neuerungen, Erfindungen, kleine und große Revolutionen, neue Moden.
    Aber das Internet führt dazu, dass wir sogar einen Evolutionsschritt durchmachen werden. Das rollt was Gewaltiges auf uns zu. Da werden noch mehr Unruhen kommen und Kriege, aber ich glaube, dass auch was wahnsinnig tolles passiert, dass noch nie zuvor möglich war. Für mich ist das alles ganz spannend. Und ich glaube, dass die meisten nicht mehr mitkommen und das Geschehen nicht für sich einordnen können. Und das macht dann Angst. Ich diskutiere deshalb nicht mehr mit Rassisten.

  • #3

    MartinaB (Montag, 17 August 2015 15:14)

    Liebe Dani,
    ich danke Dir für Deine Worte. Ich stehe da mit der gleichen Fassungslosigkeit. Aber ich werde nicht müde immer wieder meine Worte zu wiederholen - und wenn ich mir den Mund fusselig rede und die Finger blutig schreibe.

  • #4

    MartinaB (Montag, 17 August 2015 15:22)

    Liebe Cleffanie,
    erstmal möchte ich mich auch bei Dir bedanken für Deine Worte.
    Als ich Deine Zeilen über die junge Frau aus Somalia gelesen habe, da liefen mir die Tränen über das Gesicht und ich bekam eine dicke, fette Gänsehaut. Und ich hatte den gleichen Wunsch: Sie einfach in den Arm nehmen und ihr ein wenig das Gefühl zu geben sie nicht alleine.

  • #5

    j_nekue@hotmail.com (Montag, 07 September 2015 01:06)

    Kein einziges Argument, sondern nur das übliche Betroffenheitsgesäusel. Gut, dass Sie keine Diskussion mit den Damen begonnen haben, denn Sie hätten nichts weiter als moralinsaure Statements abgeben können. Sich für andere einzusetzen - auf anderer Leute Kosten wohlgemerkt - oder noch einfacher: Opfer einzufordern, ist eine ganz billige Sache. Zu guter letzt: Ihr Vergleich zu früher die Zeit am Ende und nach dem WK II: Da flohen Deutsche aus Deutschland nach Deutschland - und nirgendwo anders hin. Millionen Deutsche haben diese Flucht nicht überlebt, weil sie vor Entkräftung starben, erfroren oder umgebracht wurden. Viele wurden zuvor vergewaltigt. Da ging es nicht um Sozialleistungen. Die traumatiserten Überlebenden konnten nochmal von vorn anfangen, buchstäblich. Unter großen Schwierigkeiten hat das geklappt. Und die Vorraussetzungen waren ganz andere als bei den heutigen sogenannten Flüchtlingen. Man hatte dieselbe Sprache, denselben kulturellen Hintergrund, dieselbe Geschichte, ein gemeinsames Schicksal. Das Volk, das heute ins Land geholt wird, hat mit uns und unserer Lebensweise nichts zu tun. Sie kennen weder unsere Sprache, sind nicht kompatibel zu unserer Kultur, sind durchweg jung und werden uns somit lange zur Last fallen. Aber man kann gut dran verdienen (auf Kosten des Steuerzahlers.) Sie brauchen also viele Trottel, die bereit sind, diese Last zu schultern.

  • #6

    ESN (Sonntag, 04 Oktober 2015 18:13)

    Tja hätten Sie doch besser ihre Handy weggeschmissen!
    Diese bösen Flüchtlinge!
    An alle rechten Hohlköpfe...
    Diese Leute kommen weder aus der Höhle noch aus dem Wüstenzelt.
    Das waren Rechtsanwälte, Unternehmer, Angestellte und Studenten.
    Natürlich haben diese Menschen ein Smartphone... wie fast jeder Mensch auf dieser Welt.