Der ewige Vergleich. Warum wir uns davon frei machen sollten. Nein, müssen! Oder auch: das Klassentreffen.

von Nicole

Hey Ladies, 

 

vor ein paar Wochen habe ich eine Email mit einer Einladung zu einem Klassentreffen bekommen. Nächstes Jahr ist es 20 Jahre her dass ich Abi gemacht habe. Und deswegen wird das Klassentreffen organisiert. 

 

An sich ja ein schöner Anlass wenn die Art der Einladung nicht wäre. 

 

Man möge doch bitte Fotos mitschicken. Von damals und heute. Und man möge auch bitte einen Lebenslauf mitsenden. Was man alles so erreicht habe und was einen ausmache. 

 

Das alles würde großformatig präsentiert. Dann hat man gleich alles schwarz auf weiß und kann sich direkt vergleichen. 


Wer hat zu- oder abgenommen?

 

Wer hat es zum Doktortitel gebracht?

 

Wer hat es überhaupt am weitesten gebracht?

 

Was ist aus dem Schönling geworden? Ist er immer noch schön oder bereits vom Leben gezeichnet?

 

Ich klinge so zynisch? Bin ich auch bei dem Thema. 

Ich will gar nicht dieses Klassentreffen thematisieren. 

 

Es geht mir mehr um das große Ganze. Der ewige Vergleich. 


Wer hat es geschafft? Wer ist schöner, reicher, besser?

 

Egal wohin man schaut - Menschen vergleichen sich. Kindergartenkinder freuen sich wenn sie das Kind sind welches am höchsten springen kann. 

 

Eltern freuen sich wenn ihr Kind etwas besser kann als andere Kinder. 

 

Sportler freuen sich wenn sie schneller sind als andere. 

 

Der Wettkampf an sich ist ja gar nicht schlecht. Eine Herausforderung zu meistern kann unglaublich toll sein. Und das will ich niemandem absprechen. 

 

Aber der sportliche Vergleich ist so anders als der soziale Vergleich unter Menschen. 

Einige wenige Menschen sitzen im Zug und fahren an den anderen Menschen vorbei. Sie haben es geschafft. Sie sind schöner/schlauer/reicher als die anderen. 

Und die anderen stehen davor und schauen zu. Versuchen mitzuhalten und fühlen sich schlecht weil sie es trotz aller Bemühungen nicht schaffen. 

 

Trotz Diät immer noch zu dick. 

Trotz Sport immer noch kein Sixpack.

Trotz der tollen Kleidung immer noch kein Gefühl, dazu zu gehören. 

Trotz intensiven Lernens trotzdem nur eine vier geschrieben. 

 

Immer reicht es nicht und die Menschen, die auf der Überholspur leben werden nicht müde, ihre Leistungen immer wieder zu zeigen. Dank Fitnessbändern und den sozialen Medien kann ich mich mit einer Schar von Anhängern, nein von Neidern, umringen lassen und mich bewundern lassen. 

 

Und so unfassbar viele Menschen schauen verständnislos auf andere und verstehen nicht, warum sie es nicht schaffen. 

 

Überall wird proklamiert dass man es auch schaffen kann. Eine ganze Industrie hat sich auf die Selbstoptimierung spezialisiert. 

Die eine Seite belächelt, die andere schmollt. Und motzt. 

 

Jemand der es "geschafft" hat, schlank und schön und erfolgreich ist, sollte mit der gleichen Toleranz und dem gleichen Respekt gegenüber getreten werden wie eben jenem der das nicht geschafft hat. Denn wer bewertet, wer hat die Maßstäbe geschaffen?

 

Toleranz auf beiden Seiten ist das A und O. 

Mehr Menschlichkeit und Toleranz würde uns das Leben erleichtern.

Das ist wäre so einfach. 

 

Letztens habe ich eine Mail zu einem geposteten Outfit bekommen. Die Frau schrieb, wie toll ich in dem Kleid aussähe und dass sie sich das Kleid auch gekauft habe, aber total blöd darin aussähe. 

 

Na und? War meine Antwort. Dann ist das eben so. Vergleich Dich doch nicht mit mir. Wir sind unterschiedliche Typen. Dir wird ein anderes Kleid gut stehen. 

 

Zufriedenstellend war meine Antwort nicht für sie. Sie wollte so aussehen wie ich in dem Kleid. Und genau das ist das Problem. 

 

Wie beim Sport - es gibt einfach gewissen Dinge, die kann ich nicht so gut. Ich versuche mich dennoch daran, werde besser aber eben nicht so gut wie die Trainerin. Und das ist auch nicht schlimm. Denn ich mache das Beste daraus. 

 

Ich umgebe mich mit den Menschen, die mich neben sich haben wollen und die ich neben mir haben möchte. Ich mag keine Menschen mehr um mich haben, zu denen ich herauf- oder herabblicke. Auf jemanden Herabblicken ist sowieso eine ganz blöde Eigenschaft. Wer bin ich wenn ich mir herausnehme, andere abzuwerten? 

 

Eine kleine Anekdote dazu: vor ein paar Tagen hatte ich ein sehr langes aber auch sehr nettes Telefongespräch mit einer Kundin. Ihr Mann war gestorben und sie musste sich zum ersten Mal in ihrem Leben mit Papierkram auseinander setzen. Ich habe ihr die einfachsten Sachen immer wieder erklärt, bis sie alles verstanden hatte. Am Ende des Gespräches sagte sie "sie müssen mich für total dumm halten" und lachte. Ich antwortete: "auf keinen Fall. Ich kann den Papierkram zwar besser als sie aber dafür können sie andere Dinge besser als ich."  Sie dachte kurz nach und meinte dann "mag sein. Mein Sauerbraten ist legendär". 

 

Zurück zum Klassentreffen: den Vergleich erspare ich mir. Auf dem Papier würde ich "verlieren" und ich habe einfach keine Lust, mich diesen Oberflächlichkeiten auszusetzen. 

Müsste ich dann nicht hingehen und das Gegenteil beweisen? Zeigen, dass ich trotzdem "ganz nett bin"? Nein. Mir muss ich gar nichts beweisen. 

 

So meine lieben Ladies, ich danke Euch für`s Lesen und bin auf Eure Meinung gespannt. 

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Kommentare: 5
  • #1

    Sandra (Dienstag, 27 September 2016 21:28)

    Nicole - toller Beitrag zu einem ernsten Thema, das leider viel zu weit verbreitet ist. Danke dafür ❤️

  • #2

    Julia m (Mittwoch, 28 September 2016 07:52)

    Die Einladung ist ja wohl auch der Hohn

  • #3

    Jessi (Mittwoch, 28 September 2016 11:14)

    O man, so ein Gespräch gab es bei uns letzte Woche auch. Mein Mann und ich haben zusammen Abi gemacht und im November ist "Massen-Klassentreffen", weil unsere Schule da ein großes Jubiläum feiert. Er hatte diesbezüglich so seinen "Melancholischen" und hat angefangen an sich und seinen Entscheidungen zu zweifeln, weil die anderen vielleicht schneller mit dem Studium waren, mehr Geld verdienen, mehr Urlaub haben usw. Dass die anderen vielleicht einfach nur den Weg des geringsten Widerstands gegangen sind, ist ihm dabei nicht in den Sinn gekommen.

    Ich finde diese ganzen Vergleiche blödsinnig und fand es auch schon immer so. Auf die Frage: "Was hast du für eine Note bekommen?", habe ich nie geantwortet und andere gefragt habe ich auch nicht. Jeder ist anders, hat andere Voraussetzungen und Bedingungen und jeder hat auch mal einen schlechten Tag. Ich sehe keinen Sinn darin, eine Person nach einer Momentaufnahme zu beurteilen. Nur weil Freund XY mit einem teuren Auto vor die Tür fährt, heißt das noch lange nicht, dass es auch sein Auto ist, oder dass er sich das einfach so leisten kann.

    Übrigens würde ich der Aufforderung einen Lebenslauf zu schicken nicht nachkommen, denn bei mir wären sicher alle geschockt und würden mich wegen meiner Krankheit mitleidig ansehen - da hätte ich überhaupt keine Lust drauf! ;-)

    Liebe Grüße, Jessi

  • #4

    Nicole (Donnerstag, 29 September 2016 20:28)

    Liebe Sandra,

    vielen Dank :-)

    Liebe Grüße von Nicole

  • #5

    Nicole (Donnerstag, 29 September 2016 20:30)

    Liebe Jessi,

    oh man was für eine Treffen....

    Dieses "Beurteilen" ist sowieso das Schlimmste. Statussymbole oder Karriere sagen doch gar nichts aus.

    Danke für Deinen Kommentar :-).

    Viele Grüße von Nicole